Gesundheit - Krankheit

Gesundheit ist nicht bloss das Fehlen von Krankheit. Meist ist Gesundheit nicht etwas absolutes, andauerndes, sondern eine persönliche Wahrnehmung von Wohlbefinden und Lebensqualität. Von einer Krankheit sprechen wir, wenn sie einen Namen hat. Etwa Grippe, Diabetes, Multiple Sklerose. Oder Depression, Schizophrenie oder Suchterkrankung.

Am Anfang jeder Krankheit steht die Diagnose. Sie ist die Feststellung einer bestimmten Krankheit durch das bewertende Erkennen und Benennen von Symptomen und Befunden. Gängigste psychiatrische Klassifizierungssysteme sind ICD-11 sowie DSM-5, in welchen Diagnosen in schematische Gruppen eingeteilt werden. Sie beschreiben diagnostische Kriterien, fassen diese aufgrund ihrer Ähnlichkeit in Kategorien zusammen und geben damit an, wie psychische Beschwerden einzuordnen und zu klassifizieren sind. Personen werden also aufgrund ihrer Merkmalsausprägungen diagnostischen Kategorien zugeordnet.

Aus dieser Sicht können Kategorien wie Schubladen betrachtet werden. Entweder man passt hinein oder nicht. Der Vorteil dieser Kategorien ist, dass das Erlebte einen Namen bekommt. Dieser Name steht auch dafür, dass das, was ich erlebe, kein Einzelfall ist, sondern, dass es weitere Menschen betrifft. Dies kann entlastend wirken, auch, weil durch die Diagnose und einem erlangten Krankheitsverständnis Zusammenhänge klarer werden. «Es ist nicht einfach nur ein Tief, dass es etwas streng war in letzter Zeit, dass ich mich mehr anzustrengen bräuchte - sondern es hat sich eine Krankheit entwickelt, welche mich in meiner Lebensqualität einschränkt.»

Dennoch hat die ausschliessende Betrachtung von Gesundheit und Krankheit als Kategorien Nachteile. Wenn ich an einer Grippe leide, bin ich dann krank? Viele würden diese Frage wohl mit ja beantworten, andere vielleicht mit dem Einwand, erst ab 37.5 Grad Körpertemperatur. Doch wenn ich lediglich Husten habe, bin ich dann krank? Ist dadurch meine Verdauung eingeschränkt? Oder das Haarwachstum? Durch diese einfache Betrachtung wird ersichtlich, dass Gesundheit weniger in Schubladen zu suchen als auch zu finden ist. Vielmehr scheint Lebensqualität als Masseinheit zu dienen, wie sich mein Wohlbefinden subjektiv anfühlt.

Dieses Beispiel zeigt, dass eine Krankheit meist nicht allumfassend ist, sondern sich vielmehr auf einen Teilbereich bezieht. Nebst den Einschränkungen durch die Erkrankung bleiben viele Teilbereiche, Funktionen, Stärken und Ressourcen erhalten. Bei psychischen Erkrankungen jedoch führt die Stigmatisierung oft zu grösseren Einschränkungen als die Krankheit selbst.