Heilpädagogisch-psychiatrische Behandlung

Informationen

Die Behandlung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen umfasst die ambulante heilpädagogische und psychiatrische Diagnostik, Behandlung und Beratung und deren Umfeld. Die Behandlung findet vor Ort in den Wohninstitutionen statt.

Die konsequente Einbindung der heilpädagogischen Fachkompetenz, das Wissen über entwicklungspsychologische Besonderheiten und die Berücksichtigung von Milieufaktoren ermöglicht eine differenzierte Wahrnehmung und Interpretation von Verhaltensauffälligkeiten, die einer kompetenten Behandlung zugeführt werden müssen, um belastende Situationen zu verändern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Dieses Behandlungsangebot ist ein gemeinsames kantonales Angebot beider St.Galler Psychiatrieverbunde. Für die Beratung und Unterstützung in persönlichen Fragen stehen Ihnen unsere Fachpersonen an allen nachfolgend aufgeführten Standorten zur Verfügung:

Wir gewährleisten die optimale Behandlung von Patientinnen und Patienten mit kognitiver Beeinträchtigung. Dabei liegt ein Schwerpunkt in der guten interdisziplinären Zusammenarbeit mit weiteren medizinischen Fachrichtungen, da die Ursachen von Verhaltensstörungen auch körperliche Erkrankungen sein können, welche vorrangig erkannt und behandelt werden müssen.

Ethische Grundhaltung
Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind lebenslang lern- und entwicklungsfähig. Sie haben dieselben Rechte wie Menschen ohne kognitive Beeinträchtigungen entsprechend dem Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention). Erwachsene Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen werden erwachsenengerecht behandelt und in ihren Bedürfnissen ernst genommen.

Definition
Die Behandlung umfasst die ambulante Diagnostik, Behandlung und Beratung von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und psychischen Störungen und deren Umfeld. Die Einbindung der heilpädagogischen Fachkompetenz, das Wissen über entwicklungs-psychologische Besonderheiten von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und die Berücksichtigung von Milieufaktoren ermöglicht eine differenzierte, die psychiatrische Klassifikationssysteme ergänzende Interpretation von Verhaltensauffälligkeiten. Die vorhandenen Ressourcen im Wohn-, Arbeits- und familiären Umfeld werden im Behandlungsprozess maximal eingebunden.

Die Bezeichnung «kognitive Beeinträchtigung» lehnt sich an die Definitionen von «geistiger Behinderung» an, welche von der WHO Schweiz und Insieme Schweiz formuliert wurden. Sie umfasst Beeinträchtigungen verschiedenster Ursachen, welche vor dem Erwachsenenalter eintreten und dauerhafte Auswirkungen auf die kognitiv-emotionale Entwicklung eines Menschen haben.

Behandlung
Gewährleistet wird eine optimale Behandlung und Versorgung von Patientinnen und Patienten durch die Vernetzung mit bereits bestehenden Behandlungsangeboten. Einen besonderen Stellenwert hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit weiteren medizinischen Fachrichtungen, da die Ursachen von Verhaltensstörungen auch körperliche Erkrankungen sein können, welche vorrangig erkannt und behandelt werden. Auch in der psychiatrischen Behandlung von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung gilt der heilpädagogische Grundsatz: «Erst verstehen, bevor wir handeln». Verschiedene Formen der unterstützten Kommunikation  können bereits im diagnostischen Prozess hilfreich sein, um körperliche und psychosoziale Stressoren richtig zu identifizieren und so Fehlbehandlungen zu vermeiden.

Behandlungsschritte

  • Berücksichtigung der Entwicklungsfaktoren
  • Begegnung auf dem Niveau der emotionalen Entwicklung
  • Interaktion in Übereinstimmung mit den emotionalen Bedürfnissen
  • Heilpädagogische und psychiatrische Diagnostik
  • Modifikation der sozialen Umwelt durch Information, Ausbildung, Training
  • Anpassung der sozialen Umwelt an die psychosozialen Bedürfnisse der betroffenen Person
  • Einsatz alternativer Kommunikationsmittel im Umgang mit dem Patienten/der Patientin (Unterstützte Kommunikation)
  • Spezifische heilpädagogische Interventionen
  • Einsatz von Psychopharmaka zur Unterstützung anderer Interventionen
  • Fachberatung im TEACCH-Ansatz

Ambulante Behandlung
Für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen stellen Hospitalisationen eine besondere psychosoziale Belastung dar. Daraus, und um milieutherapeutische Massnahmen vor Ort durchführen zu können, ergibt sich die Notwendigkeit, Hospitalisationen wenn möglich zu vermeiden und ansonsten eine schnelle Wiedereingliederung anzustreben.

  • Aufsuchende heilpädagogisch-psychiatrische Behandlungen in den Einrichtungen
  • Aufsuchende Beratung vor Ort für die Betroffenen und/oder Systeme mit präventivem Charakter
  • Ambulante Nachbetreuung von hospitalisierten Patienten/innen für die Betroffenen und/oder die Teams
  • Psychiatrisch-ärztliche und heilpädagogische Diagnostik, Beratung und Behandlung in den Psychiatrie-Zentren und Ambulatorien
  • Entwicklungspsychologische und testpsychologische Diagnostik und Beratung
  • Nutzen der allgemeinen therapeutischen Angebote der Psychiatrie-Zentren/Ambulatorien wenn indiziert und passend
  • Kommunikation und Zusammenarbeit mit Hausärzten und weiteren involvierten Fachärzten

Behandlungsteam ambulant
Ein interdisziplinäres ambulantes Behandlungsteam umfasst eine/n spezialisierte/n Facharzt/ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und eine/n Heilpädagogen/in. So können Lösungen im gewohnten Umfeld und mit konkretem Alltagsbezug gefunden werden.

Stationäre Behandlung
Eine allfällige stationäre Behandlung in den beiden psychiatrischen Kliniken Pfäfers und Wil zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

  • Eine gute Zusammenarbeit mit dem ambulanten heilpädagogischen-psychiatrischen Behandlungsteam ist gewährleistet
  • Mitarbeitende der Einrichtungen und/oder Angehörige werden in den Behandlungsplan eingebunden(Standortgespräche, Teilnahme an den Therapien, Berücksichtigung von Milieufaktoren in der Wohn- und Arbeitsumgebung)

Charta zur Sicherstellung von Begleitung und Betreuung
Sie definiert für die St.Galler Institutionen verpflichtend, wie die Haltung und die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen zum Wohle der Menschen mit einer Beeinträchtigung bedarfs- und bedürfnisgerecht gelingen kann.

Diagnostik
Diagnostisch sind bei Menschen mit Intelligenzminderung folgende Aspekte besonders zu beachten: Der Auftrag zur Diagnostik und Behandlung geht meist von den Bezugspersonen aus. Die Exploration ist durch Einschränkungen in der Kommunikation und der Introspektionsfähigkeit deutlich erschwert. Dementsprechend erhält die Fremdanamnese im Vergleich zur subjektiven Schilderung der Beschwerden eine deutlich höhere Gewichtung. Zudem muss von einer deutlich verlängerten Explorationsdauer (z.T. als Folge einer verminderten Kooperationsbereitschaft) ausgegangen werden. Die Interpretation der Verhaltensauffälligkeiten beinhalten diagnostisch-methodische Probleme welche mit den englischen Fachbegriffen «Overshadowing», «Baseline Exaggeration», «Underreporting» oder «Psychosocial Masking» beschrieben werden.

Im heilpädagogischen Kontext hat die Diagnostik zum Ziel, das (Problem-)Verhalten zu analysieren und dessen Sinn zu verstehen, eine förder- und entwicklungsdiagnostische Beurteilung zu erstellen sowie soziale Belastungsfaktoren zu eruieren. Dies erfolgt unter Einbezug des Umfeldes im Sinne des Helfens, Förderns, Kompensierens und des Lernens. Vor diesem Hintergrund orientieren wir uns an spezifisch heilpädagogischen Ansätzen wie Rehistorisierung und verstehende Diagnostik nach Jantzen, dem ressourcenorientierten Ansatz nach Theunissen, Förderdiagnostik nach Kobi sowie der entwicklungspsychologischen Diagnostik (Piaget, Kohlberg, Erikson, Freud, Senkel).

In der Psychiatrie hat die Diagnostik zum Ziel, somatische Erkrankungen auszuschliessen und zu klären, ob die Symptomatik einem psychischen Störungsbild zugeordnet werden kann. Die Diagnostik erfolgt nach ICD-10 und orientiert sich an wissenschaftlichen Empfehlungen und Leitlinien. Medizinisch-psychiatrisch gilt es die Diagnose zu sichern. Im Arbeitsfeld an der Schnittstelle Psychiatrie/Heilpädagogik ist eine Integration beider Zugänge erforderlich. Den theoretischen Bezug bilden unter anderem die diagnostischen Konzepte von Anton Došen (SEO Modell) und Christian Schanze (Psychiatrische Diagnostik und Therapie bei Menschen mit Intelligenzminderung, 2. Auflage, Schattauer, 2014). Die integrative und die systemische Sichtweise prägen massgebend das diagnostische Vorgehen in unserer Arbeit.

Weiterführende Informationen
Schweizerische Arbeitsgemeinschaft von Ärzten für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung

Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH)

Deutsche Gesellschaft für Medizin für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung (DGMGB)

Johann Wilhelm Klein Akademie (JWK)

Akademie Schönbrunn

Deutsche Gesellschaft für seelische Gesundheit bei Menschen mit geistiger Behinderung (DGSGB)

The European Association for Mental Health in Intellectual Disability

Royal College of Psychiatrists, Faculty of Psychiatry of Intellectual Disability

Anmeldung

Die Anmeldung erfolgt durch Betroffene selbst, den behandelnden Haus- oder Facharzt, Behörden oder Institutionen oder andere vorbehandelnde Stellen. Ihre Anmeldung nehmen wir telefonisch oder schriftlich entgegen. Wählen Sie dafür einen der genannten Behandlungsorte.

Kostenübernahme

Die Kosten für die Leistungen werden von der Krankenkasse im Rahmen der Grundversicherung (KVG) übernommen, der übliche Selbstbehalt geht zu Lasten der Patientin, des Patienten und kann über die Ergänzungsleistungen zurückgefordert werden. Die Institutionen leisten einen Beitrag an die Wegkosten des nicht-ärztlichen Personals. Bei Versicherten im Hausarztmodell (HMO) ist die Zuweisung durch die Hausärztin, den Hausarzt notwendig.

Ansprechpersonen

Claudia Hoeckle

Dipl. Ärztin

Oberärztin Heilpädagogisch-psychiatrische Behandlung