Vom Delegations- zum Anordnungsmodell - wir verbessern die Weiterbildung «Psychologie»

Von Delegation zu Anordnung
Die Neuregelung der psychologischen Psychotherapie durch den Bundesrat bedeutet für Patientinnen und Patienten eine grössere Auswahl an Therapieplätzen und somit kürzere Wartefristen. Für die Gesundheitsbetriebe, in denen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten arbeiten, sind Anpassungen bezüglich Ausbildung und Weiterbildung angezeigt.

Am 19. März 2021 hat der Bundesrat die Neuregelung der psychologischen Psychotherapie beschlossen und damit die Einführung des Anordnungsmodells, es ersetzt das bestehende Delegationsmodell. Dabei beschränkt er die Therapiedauer pro Anordnung auf fünfzehn Sitzungen. Der Wechsel ermöglicht den einfacheren und rascheren Zugang zu ambulanter Psychotherapie. Die Anpassung tritt auf den 1. Juli 2022 in Kraft.

Delegationsmodell
Bisher wurden ambulante Psychotherapien nur dann von der Grundversicherung bezahlt, wenn sie von einem Psychiater, einer Psychiaterin durchgeführt wurden oder von einer psychologischen Psychotherapeutin bzw. Psychotherapeuten unter ärztlicher Kontrolle (d.h. sie sind bei einem Psychiater in einem Anstellungsverhältnis und arbeiten in dessen Praxisräumen).

Anordnungsmodell
Neu werden auch Psychotherapien, die von selbständigen psychologischen Psychotherapeutinnen und -therapeuten durchgeführt werden, von der Grundversicherung bezahlt, sofern sie auf Anordnung eines Arztes oder einer Ärztin erfolgen. So können Hausärztinnen und Hausärzte eine Psychotherapie anordnen, die die Patienten bei einem Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin ihrer Wahl absolvieren können.

Veränderungen für unser Unternehmen
Welche Veränderungen sich durch den Wechsel für unser Unternehmen ergeben, ist noch nicht sicher abzuschätzen. Es zeigen sich jedoch einige Trends. Um nach Anordnungsmodell arbeiten zu können werden Psychologinnen und Psychologen in Zukunft nach dem Studium drei Jahre breite klinische Erfahrung im ganzen psychiatrischen Spektrum sammeln müssen. Wir sind eine Institution, die solche Weiterbildungsplätze anbieten kann. Wir beschäftigen bereits heute Psychologinnen und Psychologen in Ausbildung. Um dieser zukünftigen Nachfrage gerecht zu werden sind wir daran, die Weiterbildung «Psychologie» zu verbessern, zu strukturieren und entsprechende Weiterbildungsplätze an unseren fünf Standorten zu definieren.

Während wir davon ausgehen, in Zukunft mehr Psychologinnen und Psychologen in Weiterbildung zu beschäftigen, ist gleichzeitig damit zu rechnen, dass der Markt an Fachpsychologinnen mit abgeschlossener Weiterbildung weniger ergiebig sein wird, da sich viele selbständig machen werden. Um solche Mitarbeitende trotzdem zu halten oder zu rekrutieren, werden wir noch mehr als heute attraktive Arbeitsplätze mit unterschiedlichen Karrierepfaden bzw. Entwicklungsmöglichkeiten bieten müssen. Wir haben diesen Trend bereits erkannt. Es gibt bei uns schon heute Stellen für psychologische Fachkräfte auf der Stufe Bereichsleitung (Behandlungsstation in Pfäfers, Tagesklinik in Uznach), bzw. auch Fachkarrierestellen (Leitung Neuropsychologie, Leitung Spezialsprechstunde wie Psychoonkologie, Zwang, LGBTI). Im Bereich Karrierepfade für nichtärztliche Fachkräfte ist jedoch noch einiges zu tun.

Konsequenz auf ambulante Grundversorgung
Welche Konsequenz die Neuregelung auf die ambulante Grundversorgung haben wird, ist schwierig abzuschätzen. Aktuell ist der Markt sehr trocken. Überall bestehen lange Wartelisten, wenn man versucht Patientinnen oder Patienten ambulant anzubinden. Somit ist davon auszugehen, dass weiterhin genug Arbeit für alle da ist. Eventuell ist aber zu befürchten, dass Psychologinnen und Psychologen eher eine Patientenklientel behandeln werden, bei der Psychotherapie und nicht sozialpsychiatrische Massnahmen und Pharmakologie im Vordergrund stehen. Dies würde zur Konsequenz haben, dass der Anteil an Schwerkranken und sozialpsychiatrischer Grundversorgung in unseren Ambulatorien zunimmt, und dass die Nachfrage nach psychotherapeutischen Spezialsprechstunden, welche ambulant in der psychologischen Praxis gut abdeckbar sind, parallel abnimmt. In diesem Fall haben wir uns neu auszurichten, weg von den Spezialangeboten, hin zur Sozialpsychiatrie, zur Notfall- und Grundversorgung.

Vorteile für die Patienten
Für Patientinnen und Patienten wird das Anordnungsmodell vor allem Vorteile bringen. Sie haben eine grössere Auswahl an Therapieplätzen, somit verringern sich Wartefristen. Die Zuweisungen können niederschwellig über Hausärztinnen und Hausärzte erfolgen. Die Wege werden dadurch kürzer. 

Autorin: Dr.med.univ. Angela Brucher, Chefärztin