Recovery College – darum geht’s

Recovery College 2
Der Verzicht der Kategorien von Krankheit und Gesundheit ermöglicht, dass Lernen und Entwicklung in Richtung psychischer Gesundheit unabhängig von einer psychiatrischen Diagnose möglich wird. Unser Recovery College setzt hier an und bietet Bildungsangebote für Menschen mit einer aktuellen oder überwundenen psychischen Erkrankung. Auch deren Angehörige, Fachpersonen und Interessierte sind angesprochen.

Defizitorientierte Sicht
Traditionell werden Entwicklungs- und Heilungsprozesse in einem therapeutischen Rahmen angestossen, gefördert und begleitet. Bestehende Finanzierungsmodelle der Grundversicherungen unterstützen eine defizitorientierte Sicht, welche diagnoseabhängige Beschreibungen einer Störung voraussetzen. Entwicklungs- und gesundungsorientierte Angebote orientieren sich entsprechend mehrheitlich an dieser ökonomischen Ausrichtung mit der Folge, dass Entwicklung stets als Prozess aus einem Defizit, einer Störung oder Krankheit heraus möglich wird, wenn er institutionell begleitet wird. Der Verzicht der Kategorien von Krankheit und Gesundheit ermöglicht Lernen und Entwicklung in Richtung psychischer Gesundheit unabhängig einer psychiatrischen Diagnose. An dieser Stelle setzen Recovery Colleges an. Sie sind ein Bildungsangebot für Menschen mit einer aktuellen oder überwundenen psychischen Erkrankung, deren Angehörige, Fachpersonen und Interessierte.

Erfahrungswissen
Erfahrungswissen ist Wissen, das durch handelnd-erlebende Erfahrung und der daraus gewonnenen Erkenntnis entsteht, auch «learning by doing» genannt. Im psychiatrischen Kontext steht die erlebte Erfahrung der eigenen Erkrankung und Genesung von Peers als Erfahrungswissen im Zentrum. In einer Weiterbildung setzen sich Peers nochmals vertieft mit dem eigenen Krankheits- und Genesungsweg auseinander. Diese Peers stellen dann ihr eigenes Erfahrungswissen im Rahmen einer Behandlung oder auch im Recovery College anderen Betroffenen, Angehörigen und Interessierten zur Verfügung. Diese Erfahrungen vermitteln authentisch und auf derselben Augenhöhe Hoffnung, Zuversicht und Modelle für einen wirksamen Umgang mit verschiedenen Fragestellungen und Problemen.

Fachwissen
Faktenwissen, auch Fach- oder Sachwissen genannt, umschreibt den Bestand an Kenntnissen über bestimmte Fakten. Das heisst, man weiss, dass etwas so ist oder nicht. Im psychiatrischen Kontext ist das Fachwissen von psychiatrisch Tätigen Grundlage für ihr Handeln. Wie sich Krankheiten entwickeln, welche Symptome es gibt, welche Medikamente bei welcher Erkrankung wirken und welche therapeutischen Interventionen hilfreich sind, haben Fachleute gelernt. Nebst diesem expliziten Wissen wird im Verlaufe eines Berufslebens zunehmend auch implizites Handlungswissen zentral. Handlungswissen bezieht sich auf spezifische Situationen, entsteht durch Erfahrungen und kann als Stilles Wissen bezeichnet werden, welches nicht unbedingt bewusst zugänglich ist, also intuitiv angewandt wird. Die Kompetenz psychiatrisch Tätiger gründet somit nicht nur im Fachwissen (was), sondern ebenso in Handlungswissen (wie), was letztlich kompetentes Handeln ermöglicht.

Gleichwertiger Einbezug von Fach- und Erfahrungswissen
Im Recovery College sprechen wir von einer Co-Produktion, gemeint ist der gleichwertige Einbezug von Fach- und Erfahrungswissen. Die Entwicklung und Durchführung der Angebote erfolgt als Co-Produktion von psychiatrischen Fachpersonen, Menschen mit eigener Krankheits- und Genesungserfahrung und Angehörigen. 

Autor: Thomas Lampert, Koordinator Prävention und Angehörigenarbeit, Angehörigenberater