Recovery – bei uns eine Selbstverständlichkeit

Recovery - bei uns eine Selbstverständlichkeit
Die Förderung der Gesundung und eine sinnerfüllte Gestaltung des eigenen Lebens stehen im Zentrum. Unsere Fachpersonen sind gefordert, Patientinnen und Patienten individuell in ihrer Stärkung der Selbstbestimmung und dem Selbstmanagement zu unterstützen.

Fundamentale Veränderungen 
Historisch gesehen hat sich die psychiatrische Versorgung in den letzten 50 Jahren fundamental verändert. In den 70er Jahren fanden in Europa grundlegende Reformen statt mit dem Ziel, das psychiatrische Versorgungssystem bedarfsgerecht und patientenzentriert zu organisieren. Allen Behandlungsbedürftigen sollte entsprechend ihren Bedürfnissen die von den Erfolgsaussichten und dem Kostenaufwand her günstige Therapie ohne Zugangsbarrieren zuteilwerden (Brenner et. al 2003). Die Weiterentwicklung in einer eigentlichen zweiten Runde der Psychiatriereform in den neunziger Jahren war durch eine Fortführung der Verlagerung hin zu ambulanten und teilstationären Hilfsangeboten geprägt. Dazu gewannen Prinzipien wie Patientenzentrierung und integrierte Behandlungen vermehrt an Bedeutung, was sich weiter in der fortschreitenden Schaffung gemeindenaher Angebote zeigte. Wir eröffneten in den 80er Jahren sozialpsychiatrische Beratungsstellen und unsere erste Tagesklinik öffnete im März 2007 in Heerbrugg ihre Türen.  

Haltung und Strukturen
Während in der Vergangenheit mit einer fast ausschliesslich defizitorientierten Betrachtung von Anamnese, Symptomen und Diagnose eine Reduktion auf die Krankheit zentral war, umfasst eine recoveryorientierte Sicht das Verständnis einer erkrankten Person als Mitmensch mit Stärken und Hoffnung. Fachpersonen sind gefordert, Patientinnen und Patienten individuell in der Stärkung der Selbstbestimmung und dem Selbstmanagement zu unterstützen. Die Förderung der Gesundung und eine sinnerfüllte Gestaltung des eigenen Lebens stehen ebenso im Zentrum. Aus medizinethischer Sicht bedeutet dies eine Wahlfreiheit, was psychische Gesundheit für ein Individuum darstellt und diese nicht automatisch aus medizinischer Normalität zu bestehen hat.   

Dieser Paradigmawechsel bedingt einen langwierigen Prozess, welchen Betroffene, Fachleute und auch die Gesellschaft fordert, sich mit den beschriebenen Grundannahmen auseinanderzusetzen. Letztlich zeigt sich eine Recoveryorientierung darin, wie sich Betroffene, Fachleute und die Gesellschaft begegnen – nämlich auf Augenhöhe. Augenhöhe meint die Teilhabe und Mitbestimmung an der Gestaltung und Entwicklung der Versorgungsstrukturen und deren Inhalten. Synonym wird in der Wirtschaft von Kundenorientierung gesprochen, welche einen ständigen Dialog fordert, auf Vertrauen aufbaut und sich durch Akzeptanz, Wertschätzung und positive Zuwendung auszeichnet.

Mit der Patientenorientierung geschaffene gemeindenahe Versorgungsstrukturen mit dem Credo «ambulant vor stationär» ermöglichen ein differenziertes, bedarfsgerechtes Behandlungsangebot. Vor zehn Jahren wurde bei uns mit dem Projekt «Patientenorientierung» die systematische Förderung von Recovery lanciert. Patientenorientierung meint eine Nutzerorientierung und bedürfnisgerechte Ausgestaltung von psychiatrischen Angeboten, welche die Nachteile der Institutionszentrierung überwindet (Rüst 2009). Die recoveryorientierte Arbeit im schweizerisch-psychiatrischen Gesundheitssystem war damals und ist teilweise auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. 

Recovery konkret
Nebst der beschriebenen Haltungsebene kann Recovery ganz konkret umgesetzt werden. Mit der Anstellung von Peers gelangt Erfahrungswissen in die Behandlung. Dieses Erfahrungswissen fliesst in Einzelgespräche, aber ich in Gruppengespräche mit ein. Peers beteiligen sich an Gruppengesprächen oder gestalten eine eigene Recoverygruppe – entlang der Themen um psychische Gesundheit, Empowerment und Selbstwirksamkeit. Auch spezifische Behandlungsangebote für Betroffene einer psychischen Erkrankung wie «Recovery Wege» oder «Recovery Seminare» greifen diese Themen auf. Die Schwerpunkte dieser Angebote richtet das Augenmerk nicht auf Defizite, sondern auf Entwicklung und Wachstum anhand allgemeingültiger Grundsätze zur Förderung und dem Erhalt psychischer Gesundheit. Diese Angebote wurden konsequent unter Berücksichtigung vom Erfahrungswissen ehemals Betroffener einer psychischen Erkrankung entwickelt. 

Recovery bedeutet mehr als nur Peermitarbeitende einzustellen
Wie ein Leuchtturm machen Peermitarbeitende (Menschen mit einer eigenen Krankheitserfahrung, welche eine Weiterbildung als Genesungsbegleiterin bzw. Genesungsbegleiter absolviert haben) die Recoveryorientierung sichtbar. Peerarbeit ist vielschichtig. Sie ermöglicht Menschen in einer psychischen Krise, sich mit Menschen mit ähnlichen Erfahrungen auszutauschen. Der Einbezug von Peers bringt jedoch auch Erfahrungswissen in die Behandlung und Gestaltung der Versorgungsstrukturen. Die Haltung, dass Fachleute von diesem Erfahrungswissen profitieren können, gründet in einem echten Interesse an diesen Erfahrungen. Nur so können Prozesse recoveryorientiert gestaltet werden, etwa mit der Anpassung von Strukturen und Abläufen auf den Behandlungsstationen und der Entwicklung von Therapieangeboten. Auch hat der Einbezug von Erfahrungswissen in verschiedene Arbeitsgruppen Tradition. Konzepte werden wo möglich unter Berücksichtigung dieses Erfahrungswissens gemeinsam mit Betroffenen und Angehörigen erarbeitet. 

Recovery in Zukunft
Wenn Recovery die Betrachtung nicht auf Defizite, sondern auf die persönliche Entwicklung legt, wird der Begriff des Lernens zentral. Auch wenn therapeutische Prozesse diese Lernentwicklung betonen, entstehen diese aus der Beschreibung eines Defizits, einer definierten psychischen Störung heraus. So basiert eine therapeutische Entwicklung stets auf der Diagnose, der psychischen Störung – auch die traditionelle Finanzierung dieser Therapien setzt diese Definition voraus. Mit der Folge, dass die Finanzierung therapeutischer Angebote ein Andauern der Erkrankung voraussetzt.  

Mit der Entwicklung der Recoverybewegung sind in den USA neue Angebote entstanden, sogenannte «Recovery Colleges». Diese sind in den USA und im englischsprachig-europäischen Raum bereits verbreitet. In Deutschland und in der Schweiz gibt es einzelne Projekte in diese Stossrichtung. «Recovery Colleges» sind ein Bildungsangebot für Menschen mit psychische Erkrankungen, deren Angehörige, Fachpersonen und Interessierte, welches keinen therapeutischen Auftrag verfolgt und diagnoseunabhängig ist. Als Kombination von erfahrungsbasiertem und evidenzbasiertem Lernen beziehen die Workshops und Seminare stets auch die Betroffenenperspektive mit ein. 

Autor: Thomas Lampert, Koordinator Prävention und Angehörigenarbeit