Kunsttherapiegruppen – neue Abläufe durch Corona

Die Corona-Schutzmassnahmen, mit denen wir unsere Patientinnen und Patienten vor einer Ansteckung schützen, haben in den Kunsttherapiegruppen zu Veränderungen und neuen Erkenntnissen geführt.

Nähe-Distanz-Thema zentral
In der Regel sind in der Kunsttherapiegruppe zwischen acht und zehn Teilnehmende. Nach dem Lockdown waren es vier Klientinnen bzw. Klienten und eine leitende Therapeutin. Durch Corona wird das Nähe-Distanz-Thema von einer ganz anderen Seite beleuchtet. In jeder Kunsttherapiegruppe erarbeiten wir als erstes: mich mir selbst zeigen, mir selbst begegnen und mit mir in Verbindung kommen. Danach folgt als zweites: sich dem Du zu zeigen, dem Du begegnen können und mit dem Du in Verbindung kommen. Doch wie soll das gehen, wenn das Gesicht und die Mimik hinter dem Mund-Nasen-Schutz versteckt sind und der Abstand zwischen den Teilnehmende so strikt eingehalten werden muss, der Andere zurückweicht? 

Was des einen Leid, ist des anderen Freud! Es gibt viele Menschen, die diesen neuen Corona-Sicherheits-Abstand untereinander sehr schätzen, die das ewige Hände schütteln oder gar Umarmen sowieso nicht bevorzugen. Doch für die anderen ist das ein Art Ablehnung, Abwendung und gar unangenehm empfundene Distanz. Soziale, eingeübte Grundformen gehen verloren, und das sind Bausteine für einen guten Boden innerhalb einer Gruppe. 

Dennoch findet in der Kunsttherapiegruppe auch neuer Humor seinen Platz. Da die Akzeptanz untereinander sehr gross ist, kann man lachen, neues ausprobieren und neue Formen und Aspekte innerhalb unserer Gruppen testen. Was haben die Masken für Vorteile? Oder wie grossartig ist es doch, mal genug Platz zum Malen zu haben! Muss denn Nähe nur körperlich wahrnehmbar sein? Wie fühlt sich seelische und geistige Nähe an?

In meinen Gruppen haben wir vermehrt erfahren, dass eine neue und intensive Nähe möglich wurde, durch unseren vorgegebenen Abstand und die Kleingruppenform. Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer bekommt mehr Zeit, um sich auf sich selbst einzulassen und mehr Raum, um sich zu zeigen (verbal). Dies bedeutet auch intensivere Präsenz der Therapeutin, um sich den eigenen Themen aktiver zu widmen.

Therapie nach draussen verlagert
Wir haben die Therapiegruppe bei schönem Wetter kurzerhand in die Natur verlagert. Da gibt es viele schöne Plätze: an den Rhein, in den Wald, auf eine Wiese, auf den Hügel, auf die Terrasse, in einen Garten oder an einen öffentlichen Platz der nicht so belebt ist, aber viele Sujets bietet die künstlerisch inspirierend sind. 

Mit Naturmaterialien Kunstwerke zu gestalten, ist sehr inspirierend und lustvoll und hat keine Grenzen: Steine, Blumen, Holz aller Art, abgelegene Strassen, Mauern, Erde, Sand, Wasser. Die Natur hat da unendlich viel zu bieten. Was sich als schwierig erweist ist, dass nicht alle Klientinnen und Klienten gut zu Fuss unterwegs sind. Wenn ein Transportmittel benötig wird, ist der Aufwand zu gross, dann bleiben wir lieber im Kunstraum.

Zusätzlich Malmaterial mitzunehmen, ist eine gute Sache, solange es in einem massvollen Rahmen bleibt. Malkasten, einzelne Stifte, Kreiden, Ton, Papier und Schnur oder auch Pinsel und flüssige Farben in kleinen Mengen. Alles eine Sache der Organisation und Rucksack oder Leiterwagen sind da sehr praktisch und hilfreich!

Raum als Basis
Nach dem Lockdown konnten wir nicht mehr in den internen Kunstraum, den wir seit zehn Jahren nutzen, weil sich alle Bereiche des Psychiatrie-Zentrums umorganisieren mussten. Von einem Tag auf den anderen brauchten wir mehr, viel mehr Platz, um mit den vorgegebenen Abständen die Therapie erbringen zu können. Das war eine sehr intensive Veränderung für uns alle. Uns unmittelbar an einen neuen Raum zu gewöhnen, uns einzulassen und wieder in Vertrauen und Sicherheit zu kommen, hat uns herausgefordert. Der Raum als eine statische Rahmenbedingung ist die Basis dafür, dass ein Mensch sich auf verschiedene Themen einlassen kann und sich darin so wohl fühlt, dass er sein bzw. ihr Inneres zeigen kann.

Veränderte Abläufe
Um all die Vorgaben zu erfüllen, habe ich in den Gruppen systematisch den Ablauf verändert. Wir haben einen etwas längeren verbalen Einstieg gemacht, da es von Woche zu Woche nötig war zu reflektieren, wie es uns geht und was all die neuen Massnahmen mit uns machen. Dies war auch gut möglich, da die Gruppengrösse nach dem Lockdown auf nur 4 Teilnehmende beschränkt war. Der Austausch gestaltete sich sehr intensiv und persönlich. Sich zu zeigen, ist so viel einfacher. In den Pausen mussten wir uns dann aber zurückziehen, um nicht mit anderen Gruppen in Berührung zu kommen. Isoliert auf der einen Seite, und gruppenintern intensiv verbunden auf der anderen. Im dritten aktiven Teil mussten wir sehr flexibel werden, da wir den Raum gut einteilen mussten. Es waren nicht mehr so viele Arbeitsplätze möglich, da die Abstände eingehalten werden mussten. Darin zeigten sich meine Kunstgruppen sehr flexibel und solidarisch: es gab nie Probleme in Bezug auf "nicht genug Platz zu haben", da alle sehr zuvorkommend und umsichtig handelten. Die entstandenen Werke waren im Allgemeinen nicht «Corona lastig». Es ging nicht um die Verarbeitung von Corona, die Auseinandersetzung mit den eigenen Entwicklungswegen stand immer im Vordergrund.

All jene Patientinnen und Patienten, welche nach dem Lockdown nicht in die Gruppe kommen konnten, weil sie einer Risikogruppe angehören, habe ich online begleitet. Jeden Sonntagabend schrieb ich ihnen eine persönliche Nachricht. Darin enthalten waren unter anderem jeweils neue Gestaltungsideen, die sie in der kommenden Woche zu Hause realisieren konnten. So waren wir stets in Kontakt und konnten Unsicherheiten auch am Telefon besprechen.

Flexibel reagieren
Die aktuelle Lage bezüglich der Coronapandemie führt dazu, dass wir Therapeutinnen und Therapeuten jederzeit und flexibel auf alle Vorgaben und Veränderungen reagieren müssen. Die in den vergangenen Monaten gesammelten Erfahrungen bieten dafür eine gute und zuverlässige Grundlage. Bei uns können Therapien sicher in Anspruch genommen werden!

Autorin: Nicole Kulli-Steger, Kunsttherapeutin