Indirekter Gegenvorschlag Pflegeinitiative – ein Schritt in die richtige Richtung

Pflegeinitiative
Die monetäre Unterstützung für fachliche Aus- und Weiterbildungen ist wertvoll. Aber es ist wichtig, dass die Unternehmen selbst in der Pflege Zukunftsperspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten bieten und gleichzeitig die eigene Personalsituation optimieren können.

Stand der Dinge
Im Januar 2017 lancierte der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) die «Volksinitiative für eine starke Pflege», die gewichtige Forderungen enthält (Ausbildungsoffensive, höhere Personaldotation, bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen, Pflegeleistungen eigenverantwortlich abrechnen). 

Im März 2021 stimmte das Parlament dem indirekten Gegenvorschlag zu. Dieser enthält zwar die Ausbildungsoffensive und die Möglichkeit, dass bestimmte Pflegeleistungen ohne ärztliche Anordnung von den Kassen vergütet werden, aber es fehlen die Massnahmen für eine höhere Personaldotation und bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege.

Ausbildungsoffensive 
Mit ihr soll die Zahl der Abschlüsse zur diplomierten Pflegefachperson HF und FH erhöht werden. Der indirekte Gegenvorschlag beinhaltet die Verpflichtung der Kantone, sich an den Ausbildungsbeiträgen zu beteiligen. Insgesamt stellen Bund und Kantone während acht Jahren rund eine Milliarde Franken für die Ausbildungsoffensive zur Verfügung.

Pflegeleistungen
Der Gegenvorschlag sieht vor, dass bestimmte Pflegeleistungen direkt (ohne ärztliche Anordnung) von den Krankenkassen bezahlt werden sollen. Voraussetzung dafür ist ein Vertrag zwischen den Verbänden der Leistungserbringer und jenen der Versicherer. Damit würde der eigenverantwortliche Bereich der Pflegefachpersonen im KVG erstmals verankert. 

Bessere Arbeitsbedingungen
Das Problem der vielen Berufsaussteigerinnen und -aussteiger findet im Gegenvorschlag keine Beachtung. Die Ausgebildeten können nur dann im Beruf gehalten werden, wenn sie bessere Arbeitsbedingungen antreffen (beispielsweise mehr Personal auf den Schichten, bessere Entlöhnung).

Zu erwartende Entscheide
Nun wird der Ständerat in seiner Sommersession im Mai/Juni 2021 über die Pflegeinitiative entscheiden und das Initiativkomitee will im Juni 2021 festlegen, ob es an der Pflegeinitiative weiter festhält oder diese zurückzieht.

Schritt in die richtige Richtung    
Grundsätzlich finde ich den indirekten Gegenvorschlag ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, die monetäre Unterstützung für die fachliche Aus- und Weiterbildung ist wertvoll und einfach umzusetzen Mir scheint aber auch wichtig zu sein, dass die Unternehmen selbst Zukunftsperspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten bieten können und dass der «Ausfall» der Mitarbeitenden durch Weiterbildungen auf der Station kompensiert werden kann. Es stellt sich also nicht nur die Frage: wie werden die neu erworbenen Fähigkeiten umgesetzt, sondern auch wie und wo kann die Mitarbeiterin bzw. der Mitarbeiter dann eingesetzt werden? Was bringt es, wenn die Mittel für Aus- und Weiterbildungen zur Verfügung stehen, die Betriebe das Personal aber nicht in die Weiterbildung schicken kann, weil die Personalsituation und damit die Voraussetzungen auf den Stationen nicht gegeben ist? Diese Aspekte müssen sicher vorgängig geklärt werden.

Gegen Fachkräftemangel
Es sind viele Faktoren, die zum Fachkräftemangel führen. Zur Bekämpfung ist der Gegenvorschlag sicher ein erster Schritt, weitere müssen noch folgen. Aktuell wird unser Beruf in den Medien immer wieder schlecht dargestellt, der Fokus liegt dabei auf zu vielen Überstunden, Ausnutzung und hohem Burnoutrisiko. Dies wirkt leider abschreckend und ist kontraproduktiv.

Das «Netzwerk Pflege Schweiz» (der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK, der Schweizerische Verein für Pflegewissenschaft VFP/APSI und die Swiss Nurse Leaders) haben gemeinsam die Idee entwickelt, dass man auf Ebene Bund einen CNO (Chief Nurse Officer) anstellt, damit dieser den wichtigen Fragestellungen nachgehen kann. 

Im Kanton St.Gallen gibt es bereits eine vergleichbare Stelle bzw. Person im Gesundheitsdepartement, die zuständig für die Pflegeentwicklung ist. Sie ist unsere Ansprechpartnerin wenn es um pflegerische Anliegen auf kantonaler Ebene geht. Das ist ein grosser Mehrwert und bringt den Beruf der Pflege weiter.

Motiviertes Pflegepersonal 
Die Pflegefachpersonen geniessen bei uns ein hohes Ansehen und spüren eine grosse Wertschätzung. Die verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten die es bei uns gibt, macht es interessant für sie. Zudem bieten wir Unterstützung bei den Karrieremöglichkeiten. Als Unternehmen haben wir einen hohen Anspruch an uns selbst, eine gute und zeitgemässe Behandlung anzubieten. Damit wir das langfristig halten können, benötigen wir Mitarbeitende in der Pflege, die motiviert und gut ausgebildet sind und mit Freude den Beruf ausüben. Das setzt voraus, dass wir die nötigen Rahmenbedingungen bieten können.

Autor: Carmine Di Nardo, Leiter Pflegedienst und Therapien