Corona – Mehrbelastung für Angehörige von psychisch Kranken?

Mehrbelastung Angehörige durch Corona
Die Pandemie macht mit Angehörigen von Menschen mit einer psychischen Erkrankung grundsätzlich das, was sie mit uns allen mach: sie schränkt ein!

In der Corona-Pandemie führen zwei Aspekte zu Stress und Erschöpfung: die Angst vor der Ansteckung und der Erkrankung durch das Covid-19 und sowie die Belastungen, die mit den einschränkenden Schutzmassnahmen (Abstand, Masken, Verlust soziale Kontakte) zunehmen.

Mit Angehörigen von Menschen mit einer psychischen Erkrankung macht die Pandemie grundsätzlich das, was sie mit uns allen mach: sie schränkt ein. Doch vielleicht ist das ein Umstand, welchen Angehörige bereits kennen. Oft ändert sich für Angehörige bei schweren, andauernden Krankheitsverläufen das Leben stark. Sie haben Erfahrung damit, einen Umgang mit den Einschränkungen der Auswirkungen der Erkrankung zu finden. Wenn Angehörigen eine gute Integration dieses Prozesses in ihr Leben gelang, kann dies auch in der aktuellen Situation helfen.

Belastungsfaktoren sehe ich am ehesten im Wegfall von Unterstützungs- und Betreuungsangeboten für Patientinnen und Patienten, eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten um für sich selbst zu sorgen oder Spannungen und Konflikte im häuslichen Umfeld, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern. Doch dies kennen wohl alle Familien.  

Angehörigenberatung hat sich nicht wesentlich verändert
Wie bereits im Frühjahr zu erkennen war, haben Beratungsanfragen während des Anstiegs der Corona-Fallzahlen stark abgenommen. Ein Phänomen, welches auch andere Angehörigenberatungsstellen beobachten konnten. Verblüfft hat, dass nicht bloss Beratungen vor Ort abnahmen, sondern auch Anrufe an die Beratungsstellen. Inhaltlich blieben die Themen jedoch dieselben.

Corona in den Beratungen nur am Rande
So waren die Auswirkungen von Einschränkungen wie Besuchsverbote oder die fehlenden Möglichkeiten von Wochenendurlauben teils ein Thema. Auch hier eine unerwartete Rückmeldung, dass es auch entlastet, sich keine Gedanken machen zu müssen, ob man zu Besuch geht, was am Wochenende gemeinsam zu unternehmen. 

Sicherlich sind die Unterstützungsangebote in der Akutphase einer Erkrankung zahlreich, auch während der Corona-Pandemie. Weitreichendere Auswirkungen haben Angehörige von längerfristig erkrankten Menschen erlebt, etwa, wenn die Tagesstruktur des erkrankten Menschen im 2. Arbeitsmarkt nicht mehr angeboten werden konnte. Oft kennen sich diese Angehörigen jedoch gut aus im Umgang mit den Herausforderungen der Auswirkung der Erkrankung und fehlender Angebote. 

Beratungen nehmen nach Abklingen der Welle zu
Wie beschrieben hat es im Frühjahr einen markanten Einbruch an Beratungsanfragen gegeben, Ende Oktober nun ebenfalls. Jedoch war zu beobachten, nicht nur in unserem Beratungsangebot, sondern auch andernorts, dass nach dem Abklingen der ersten Welle die Anfragen über das Niveau der Vormonate zugenommen haben. 

Die nächsten Wochen und Monate
Ich gehe von einer ähnlichen Entwicklung aus wie im Frühjahr, was die Veränderung für Angehörige psychisch kranker Menschen betrifft. Jedoch bin ich auch zuversichtlicher, dass die Unterstützungs- und Hilfsangebote flexibler aufrechterhalten werden können. Ich habe den Eindruck, auch persönlich, eine Reduktion, ein persönliches Herunterfahren kann auch helfen, besser mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Wichtig ist, sich mit möglichen Ängsten im Zusammenhang mit Covid bewusst zu sein und mit diesen einen guten Umgang zu finden. Oder auch mit Spannungen. Dazu braucht es eine Akzeptanz dessen, was ist, sich im Moment vielleicht auch nicht verändern lässt. Ganz wie Patricia Deegan Recovery erklärt: «Beim Akzeptieren dessen, was wir nicht werden tun oder sein können, beginnen wir zu entdecken, wer wir sein können und was wir tun können».

Ängste und Druck abbauen 
Wie es Menschen gelingt, einen guten Umgang mit Ihren Ängsten zu finden, ist individuell. Es gibt nicht den einen richtigen Umgang. Wenn ich mir meiner Ängste bewusst bin, kann ich etwas dagegen tun. Sicherlich ist es günstig, offen über Ängste sprechen zu können mit einem Gegenüber, welches dieses Gefühl auch ernst nimmt. Gespräche helfen, Ängste zu relativieren und alternative Blickwinkel einzunehmen. Oft hilft das. Auch, sich nicht ohnmächtig fühlen zu müssen indem man darüber spricht, vergleichen, dass es andern ähnlich geht. Oder sich ablenken, indem man seinen Hobbys nachgeht und sich bewusst Auszeiten schafft. 

Wie komme ich als Angehörige, Angehöriger gut durch die zweite Welle?
Die Reformierte Kirche des Kantons Zürich gibt ein Plakat aus, wie wir uns seelisch schützen können. Hier sind wesentliche Impulse abgebildet, welche teilweise schon angesprochen wurden, etwa die Akzeptanz. Gerade weil es so scheint, dass uns verschiedene Massnahmen und Einschränkungen noch länger begleiten, sind Normalität und Routine im Alltag wichtig. Routine im Alltag bringt Ruhe ins eigene Leben, welche mit dosiertem Konsum von Fakten zur aktuellen Situation bewahrt werden kann. Ein guter Ausgleich zwischen Engagement und Selbstfürsorge ist unterstützend. Ein wichtiges Credo für Angehörige lautet, «nur wenn ich gut zu mir selbst schaue, kann ich auch für andere da sein». Selbstfürsorge als Auszeit, Rückzug oder aktiver Ausgleich wie ein Spaziergang oder eine Wanderung kann dabei helfen. Gut für sich selbst zu sorgen hilft, sich ausgeglichen und gestärkt zu fühlen. Auf dieser Grundlage fällt es leichter, auch grosszügig für andere da zu sein, etwa in Konflikten, oder wenn Hilfe benötigt wird. 

Plakat So schützen wir uns

Wie komme ich als Angehörige, Angehöriger gut über die Weihnachtstage? 
Gerade in der Weihnachtszeit können kreative Formen helfen, mit andern im Kontakt zu bleiben. Bezogenheit, Herzlichkeit und Nähe sind auch ohne Anwesenheit möglich. Natürlich haben wir heute viele technische Hilfsmittel, welche den direkten Kontakt unterstützen. Doch weshalb nicht wieder einmal einen Brief oder eine Ansichtskarte schreiben wie in «guten alten Zeiten»?

Gut auf die Festtage vorbereitet zu sein bedeutet auch, sich selbst gut zu kennen, sich ernst zu nehmen. Wenn ich weiss, dass Weihnachten herausfordernd für mich ist, kann ich mich darauf vorbereiten und Vorkehrungen treffen. Vermeiden Sie Enttäuschungen, indem Sie sich nicht an alten Idealbildern orientieren. Offen das annehmen, was möglich ist, das Glas als halbvoll betrachten hilft. Die Ansprüche an das Weihnachtsfest zu reduzieren hilft ebenfalls, Druck zu reduzieren. Stellen Sie sich die Frage, was wesentlicher ist: ein perfekter Weihnachtsbraten oder einfach mit seinen Lieben zusammensitzen zu dürfen?

Was mache ich, wenn ich an meine Grenzen komme?
Wichtig ist, zu seinen Grenzen stehen zu dürfen. Dies beginnt damit, sich selbst einzugestehen, erschöpft zu sein, nicht weiter zu wissen oder Hilfe zu benötigen. Oft hindern uns hohe Ideale und Vorstellungen daran; unsere Leistungsgesellschaft unterstützt diese Ansprüche an sich selbst. Mit dem Schritt, die eigenen Grenzen auch andern zuzumuten entstehen neue Möglichkeiten. So kann ich um Hilfe bitten, um Unterstützung zu erhalten. Im privaten Umfeld wie auch auf professionellerer Ebene. Meine Erfahrung zeigt, dass sich viele Angehörige erst spät melden. Das muss nicht sein. Für eine Angehörigenberatung braucht es weder konkrete Fragen noch eine Notsituation.

Oft drehen sich Beratungsgespräche darum, wie Angehörige eine Situation erleben und wie sie nächste Schritte angehen können. Etwa, wie es gelingt, für mehr Freiraum einzustehen oder sich Gewahr zu werden, was ich wirklich möchte. In Notsituationen ausserhalb von Bürozeiten ist Telefon 143, die dargebotene Hand, eine wertvolle niederschwellige Anlaufstelle. Speziell ist auch das Angebot für Kinder und Jugendliche, Telefon 147, zu erwähnen.

Austausch auf Internetplattformen 
Im Frühjahr haben einige Institutionen verstärkt elektronische Plattformen entwickelt, welche ein Treffen im virtuellen Raum ermöglichen. Hier gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Zu den klassischen Angeboten zählen Internet-Foren und Chat-Plattformen, wo der Austausch schriftlich erfolgt. Neuere Zugänge sind nun auch über Video möglich. Wie bei einem wirklichen Treffen vor Ort können Sie mit anderen darüber sprechen, wie sie den Alltag bewältigen oder was Sie gerade beschäftigt. Zu Beginn ist ein solcher Austausch vielleicht noch etwas ungewohnt. Doch mit einem Laptop und etwas Mut kann diese Hürde gut gemeistert werden.

Autor: Thomas Lampert, Koordinator Prävention und Angehörigenarbeit