Angehörige von psychisch Erkrankten – darüber sprechen fällt schwer

Angehörige
Durch die Auswirkungen einer psychischen Erkrankung kann es im Leben von Angehörigen, ähnlich wie bei den Erkrankten selbst, ebenfalls zu einschneidenden Veränderungen kommen. Der eingespielte Alltag verändert sich und damit die Rollen und Aufgaben. Wie können Angehörige auf die eigene Gesundheit achten?

Offen darüber sprechen: Für Angehörige von psychisch Erkrankten ist wichtig, auf dem Weg die eigenen Interessen nicht aus den Augen zu verlieren. Warum ist das wichtig?

Psychische Erkrankungen entstehen nicht von heute auf morgen. Eine Genesung erstreckt sich je nach Schwere der Erkrankung ebenso über einen längeren Zeitraum. Durch die Auswirkungen der Erkrankung kann es im Leben von Angehörigen, ähnlich wie beim Erkrankten selbst, ebenfalls zu einschneidenden Veränderungen kommen. Der normale, teils eingespielte Alltag verändert sich und damit die Rollen und Aufgaben. Angehörige unterstützen und nehmen Betreuungsaufgaben wahr, auch die Sorge um einen wichtigen Menschen kann zusätzlich belasten. Um nicht selbst an eigene Grenzen oder gar darüber hinaus zu gelangen ist es wichtig, für einen guten Ausgleich zu sorgen. Eigene Interessen zu beachten bedeutet auch Zeit für sich in Anspruch zu nehmen. Etwa, um seinen Hobbys nachzugehen, ruhige Zeit für sich zu haben oder sich mit Freundinnen und Freunden zu treffen. Nur wenn Angehörige auf die eigene psychische Gesundheit achten ist es längerfristig möglich, für den erkrankten nahestehenden Menschen da zu sein. 

Wechselbad der Gefühle: Für Angehörige ist es oft ein Problem, offen darüber zu sprechen. Warum?

Es fällt vielen Menschen schwer, über eigene Gefühle zu sprechen. Auch, weil es manchen Leuten an Worten fehlt, das eigene Erleben zu beschreiben. Ein Tisch ist etwas Handfestes, Konkretes, den man leicht beschrieben kann. Gefühle hingegen sind unsichtbar, haben keine Gestalt. Das persönliche, subjektive Erleben eines Gefühls muss erst beschrieben werden, damit wir zu verstehen versuchen können, was das Gegenüber meint. Etwa bei der Angst. Wir glauben zu alle zu wissen, was Angst ist. Doch sind das persönliche Erleben der Angst, die Empfindungen, die Bedeutung und der Umgang oft völlig verschieden. Dazu kommt, dass die Mehrzahl der Gefühle als unangenehm oder negativ wahrgenommen wird. Vielleicht schämen wir uns für diese Gefühle, weil es als Schwäche gilt, sie nicht sein sollten. Wenn ich als Angehöriger ärgerlich bin, zum Beispiel, dass ich durch die Auswirkungen der Erkrankung eingeschränkt bin, so halte ich den Ärger aus Rücksicht zurück, um den Erkrankten nicht noch zusätzlich zu belasten. In den Beratungen höre ich oft die Frage, ob man jemandem mit einer Depression auch sagen darf, was einem stört oder was man erwartet. Angehörige sind dabei oft unsicher, ob sie durch das Ansprechen eigener Gefühle und Bedürfnisse die Krankheit verstärken. Dabei bewirkt es eher das Gegenteil. Wenn das eigene Erleben nicht Angesprochen wird, entsteht eine gespannte Atmosphäre, welche zu Interpretationen und zusätzlichen Verunsicherung führen kann. 

Emotionale Belastung: Die psychische Erkrankung eines nahestehenden Menschen kann eine hohe emotionale Belastung sein. Was genau belastet oder überfordert?

Einerseits ist es oft die Dauer und Ungewissheit, welche verunsichert. Das Leben gerät aus den Fugen, gewohnte Abläufe verändern sich und damit auch Zuständigkeiten, Rollen und Muster. Das kann zu Spannungen bis hin zu Konflikten führen, der zweiten Ebene der Belastungen, welche sich auf das Zwischenmenschliche auswirkt. Doch ist es nicht lediglich die Ebene der Belastungen, welche einen Menschen überfordert, sondern die Bilanz zwischen Belastungen und Bewältigungsstrategien und Ressourcen. Fällt diese Bilanz einseitig aus zugunsten der Belastungen, laufen Angehörige längerfristig Gefahr, selbst krank zu werden. Aus dieser Sicht ist es umso wichtiger, die Bilanz positiv Richtung eigener Problemlösekompetenzen und genügend Ausgleich und Freiraum zu gestalten.

Voller Sorgen: Angehörige von psychisch Erkrankten machen sich oft Sorgen, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Was hilft?

Darüber reden hilft. Als Angehörige können wir lediglich beobachten und wahrnehmen, allenfalls interpretieren, wie es dem erkrankten Gegenüber wohl gehen mag. Oft ist es so, dass auch Betroffene selbst diese Frage nicht beantworten können. Dies fällt dann allen beteiligten schwer. Hier nicht in einen Aktionismus zu fallen, nicht endlich die sprichwörtlichen Nägel mit Köpfen zu machen, sondern das Ungewisse auszuhalten, ist die Herausforderung. Wir sind gewohnt, Lösungen zu suchen für unsere Probleme im Leben. Sich lediglich darüber auszutauschen, wie es einem grad geht, so man steht, wie man sich fühlt, ist ungewohnt. So wie sich die erkrankte Person mit den Auswirkungen der Erkrankung seinem Umfeld – ungewollt – zumutet, so sollen sich Angehörige mit den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen ebenfalls zumuten. Nur auf dieser Basis der Offenheit können letztlich Wege gefunden werden, welchen den Bedürfnissen aller Beteiligten gerecht werden. 

Mit Freunden, andern Angehörigen oder einer Fachperson darüber zu sprechen, kann ebenfalls helfen. Sich auszutauschen, sich jemandem anzuvertrauen ist ein erster Schritt, zu sich selbst zu stehen. Zu sehen, dass man nicht alleine ist mit den Problemen, Hoffnung zu entwickeln. Das kann helfen, mit einer Akzeptanz und Zuversicht dem Unbekannten entgegen zu blicken, die Situation zu ertragen und zu sich zu schauen.  

Offene Fragen: Angehörige haben zwar Einfluss auf den Genesungsprozess der Betroffenen, sie fühlen sich aber nicht selten unsicher und mit vielen Fragen alleingelassen und überfordert.

Nahe Beziehungen bergen wertvolle Ressourcen, etwa Verantwortung und Achtung zeigen, sich kümmern oder fürsorglich sein. Diese Ressourcen sind nutzbar, wenn Angehörige einfach Angehörige sind. Oft ist es weniger eine Aktion, die trägt als die emotionale Verbundenheit, das Vertrauen, jemanden Verlässliches an seiner Seite zu wissen. Die Herausforderung liegt in der Beziehungsgestaltung. Ob ich etwas für jemanden tun kann oder möchte hängt eben auch damit zusammen, wie meine eigenen Bedürfnisse als Angehöriger abgedeckt sind. Die Unsicherheit bezieht sich dann meist auf die Beziehungsgestaltung. Etwa wenn bei einer Depression sich der erkrankte Mensch zurückzieht, weniger im Austausch ist und kraftlos. Angehörige wissen, dass dies Symptome einer Depression sind. Die Unsicherheit liegt darin, wie ich als Angehöriger damit umgehen soll, wenn ich das Gefühl habe, dass alles an mir hängen bleibt und ich mich überfordert fühle. Kann ich das ansprechen, darf ich sagen, welche Wünsche und Erwartungen ich an den Betroffenen habe? Meist entwickeln sich die Beratungsgespräche in Richtung solcher Fragestellungen.

Zusätzliche individuelle Unterstützung
Wir bieten Angehörigen die Möglichkeit, mit einer erfahrenen Fachperson über das „Wechselbad der Gefühle“ zu sprechen, dabei die Grenzen der eigenen Belastbarkeit zu erkennen, die eigene Rolle zu reflektieren und sich genügend abzugrenzen. Und wir geben Antworten auf Fragen zum Krankheitsbild, zur Behandlung und dem Umgang mit der Erkrankung.
Beratungstelefon Tel 058 178 63 21.

Autor: Thomas Lampert, Koordinator Prävention und Angehörigenarbeit, Angehörigenberater