Angehörige in der Akutpsychiatrie – Thema an internationalem Kongress

Angehörige in der Aktupsychitrie
Der Austausch unter Fachleuten um innovative Wege in der stationären psychiatrischen Behandlung am Kongress anfangs September 2021 in Liestal hat zu wertvollen Erkenntnissen geführt.

Fachkongress
Das «Praxisforum Akutpsychiatrie» ist ein internationaler Kongress, in welchem der Austausch zu Zwang, der Reduktion von freiheitsbeschränkenden Massnahmen und Möglichkeiten der Deeskalation im Zentrum steht. Nebst wissenschaftlichen Erkenntnissen zeigen «best practice» Methoden interessante Möglichkeiten der Entwicklungen in der Akutpsychiatrie. In einem Workshop unter der Leitung der beiden Autoren stand das Thema «Angehörige auf der Akutstation - Hindernis oder Chance?» im Zentrum.

Nahe Beziehungen als Ressource
Sollen Angehörige ins Sicherheitszimmer gehen können, Kinder auf eine Akutstation? Wie viel Verantwortung sollen und können Angehörige übernehmen? Wie gelingt eine gute Einbeziehung von Angehörigen in die Behandlungs- und Austrittsplanung? 

Pflegefachleute, Psychologinnen und Psychologen, Ärzte und Ärztinnen tauschten ihre Erfahrungen aus dem Klinikalltag aus. Dabei waren sich die anwesenden Fachleute einig, dass eine einbeziehende und die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigende Haltung zentral ist. Starre Regeln sind abzulehnen und es braucht individuelle Vorgehensweisen, orientiert am Wohlergehen der Patientinnen und Patienten. Es war Konsens, dass zur professionellen Behandlung zwingend auch aktives Zugehen auf die Angehörigen, Zuhören und die Förderung der Beziehungen gehören. Zuständig sollten sich alle Mitarbeitenden fühlen: für die Behandlungsqualität notwendig ist ein interprofessionelles Vorgehen, welches die Beziehungen der Patientinnen und Patienten ausserhalb der Klinik fördert, die Behandlung erleichtert und auch mehr Stabilität nach dem Austritt ermöglicht.

Belastete Beziehungen zwischen nahen Bezugspersonen 
Nebst den einschränkenden institutionellen und strukturellen Begebenheiten in einer Klinik, die eine Einbeziehung der Angehörigen erschweren, sind es vor allem auch die individuellen Probleme der Patientinnen und Patienten, die beachtet und möglichst auch therapeutisch angegangen werden sollten: in der Entwicklung einer Erkrankung werden die Beziehungen zwischen nahen Bezugspersonen oft schwer belastet. Verhaltensänderungen in einer Krankheitsentwicklung geben oft Anlass zur Sorge. Unterschiedliche Auffassungen, was zu tun ist, können Konflikte auslösen und dadurch den Krankheitsverlauf ungünstig beeinflussen. Etwa bei einer Angsterkrankung, wenn zu viel Druck die Angst und das Vermeidungsverhalten verstärken. 

Zwischenmenschliche Konflikte, ein ungünstiger Umgang mit Gefühlen, fehlende Kommunikationsfertigkeiten oder fehlende Klarheit über eigene Bedürfnisse sowie die Bedürfnisse des Gegenübers führen zu eingeschränkten Beziehung, die in Teufelskreisen mit Ohnmacht und gegenseitigen Schuldzuweisen zwischen Patienten und ihren beteiligten Angehörigen enden können.  Dies verschüttet den Zugang zu den wichtigen Ressourcen der nahen Beziehungen.

Fazit: Chancenpotential
Das Ressourcen- und Chancenpotenzial mit schützenden und die psychische Entwicklung der Familienmitglieder fördernden Faktoren, etwa «bedingungslose» Liebe und Fürsorge angesichts Kummer und Gefahr oder eine sichere Basis für die Autonomieentwicklung (Liechti 2011), Empowerment und Recovery kann und sollte jedoch gezielt gefördert und genutzt werden, indem wichtige nahe Bezugspersonen in eine psychiatrische Behandlung einbezogen werden. 

Eine individuelle, bedürfnisgerechte Einbeziehung von Angehörigen hat in der Klinik St.Pirminsberg in Pfäfers lange Tradition. Für diese gilt es weiter zu sensibilisieren und auf sich verändernde Rahmenbedingungen wie kürzere Aufenthaltszeiten und kurzzeitige Kriseninterventionen zu reagieren. Mit der unabhängigen Angehörigenberatung finden Angehörige seit zehn Jahren ein zusätzliches Angebot, welches im kommenden Jahr mit zusätzlichen strukturierten Gruppenangeboten, welche auch Angehörigen zugänglich sind, ergänzt wird.

Autoren: Michael Kammer-Spohn, Leitender Arzt, Allgemeine Psychiatrie; Thomas Lampert, Koordinator Prävention und Angehörigenarbeit